http://www.jungewelt.de/2005/09-03/012.php--------------------------------
Montag mit neuer Wut
Bundesweiter Aktionstag: Sozialbündnisse fordern Abschaffung von Ein-Euro-Jobs und Einführung eines Mindestlohns sowie die 30-Stunden-Woche
Für Millionen Menschen ist inzwischen mit »Hartz IV« und Arbeitslosengeld (ALG) II die »Armut per Gesetz«, wie es die Montagsdemonstranten im letzten Jahr nannten, bittere Realität. Örtliche Sozialbündnisse sind allerdings nicht bereit, sich mit diesen Zuständen abzufinden. Am Montag wird es daher in mehr als 50 Städten Deutschlands, in Ost wie West, Kundgebungen, Podiumsdiskussionen, Filmvorführungen und vor allem eine Vielzahl phantasievoller Happenings geben. Den lokalen Arbeitsgemeinschaften von Sozialämtern und Arbeitsagenturen (ARGE), werden Besuche abgestattet, Anbieter von Ein-Euro-Jobs zur Rede gestellt. In Paderborn wird ein Sklavenmarkt organisiert, und in Magdeburg soll mit Kanzler Gerhard Schröder und Außenminister Joseph Fischer Schlitten gefahren werden. Rein symbolisch, versteht sich. In einer Reihe von Städten wird es am Abend auch eine Vorführung des Films »Neue Wut« von Martin Keßler geben. Der Autor hat über ein Jahr lang die Sozialproteste, Montagsdemos und die Streiks bei Mercedes und Opel verfolgt und dokumentiert. Während die großen Fernsehanstalten immer noch zögern, das Material zu kaufen, findet es inzwischen als DVD weite Verbreitung unter den Aktivisten der vielen örtlichen Bündnisse.
Um die ist es in den letzten Monaten in den großen Medien sehr still geworden, obwohl viele weiterarbeiten. Selbst kleine regelmäßige Montagsdemonstrationen gibt es noch hier und da, vor allem in Ostdeutschland, aber auch in einigen westdeutschen Städten wie München. Mit der Koordination dieser Aktivitäten hat es allerdings lange Zeit gehapert. Der »Frankfurter Appell«, dem Gewerkschaftslinke, die Bundesarbeitsgemeinschaft Sozialhilfeinitiativen und ein Teil der westdeutschen Arbeitsloseninitiativen zuzurechnen sind, hatte lange Zeit Schwierigkeiten, sich auf die neue Situation einzustellen. Am 4. November 2003 hatte man gemeinsam mit Globalisierungskritikern von ATTAC die bis dahin größte unabhängige bundesweite Demonstration gegen den regierungsamtlichen Sozialkahlschlag auf die Beine gestellt, zu der 100000 Menschen nach Berlin gekommen waren. Fünf Monate später konnte man am 3. April 2004 den DGB bewegen, Protestaktionen zu organisieren, an denen sich in Berlin, Köln und Stuttgart rund 500000 Personen beteiligten. Doch dann war die Luft raus. Als im Sommer vergangenen Jahres zunächst in Ostdeutschland, aber auch schon bald im Westen, die Menschen in Massen spontan auf die Straße gingen, waren einige vor allem verunsichert, weil die Aktionspläne für den »heißen Herbst« über den Haufen geworfen wurden.
Auch die Montagsdemonstranten taten sich schwer, ihre Aktivitäten politisch und organisatorisch abzustimmen. Eine in Berlin eingerichtete Koordinierungsstelle war zwar finanziell sehr gut ausgestattet, brachte aber so gut wie nichts zustande. Derzeit gibt es in Göttingen ein neues Vernetzungsbüro, das sich um die Koordination des Aktionstages gekümmert hat.
Inhaltlich steht am Montag die Forderung nach Abschaffung der »Hartz-IV«-Gesetze im Vordergrund. Die Ein-Euro-Jobs sollen in Zehn-Euro-Jobs umgewandelt werden und alle Menschen ein Grundeinkommen von 850 Euro plus Warmmiete bekommen, und zwar bedingungslos. Da Einwanderer und Flüchtlinge zu den am härtesten Betroffenen gehören, deren Aufenthaltsstatus in einigen Fällen durch die neuen Gesetze gefährdet wird, fordern die Sozialbündnisse auch ein generelles Bleiberecht. Schließlich wird die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes von zehn Euro pro Stunde und die Einführung der 30-Stunden-Woche bei vollem Lohn- und Personalausgleich verlangt.
(Siehe auch Interview mit Andreas Hähle)
Aktionen und Happenings am Montag, 5. September 2005
Aachen: 18 Uhr, Kugelbrunnen, 20 Uhr Film »Neue Wut«, Rudolfstr. 56-58
Angermünde: 19 Uhr, Markt
Aschersleben: 11 Uhr, Arbeitsagentur; 18 Uhr, Holzmarkt
Berlin: 11 Uhr Clement-Begräbnis vor dem Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit; 13 Uhr, Breitscheidplatz: Markt der Grausamkeiten
Bielefeld: 18 Uhr, Spindelbrunnen
Bochum: Den ganzen Tag Infostände in der Innenstadt
Dessau: Infostand im Zentrum
Dortmund: Ein-Euro-Job-Anbieter werden besucht
Dresden: Symbolische Sprengaktion an der Arbeitsagentur
Eberswalde: 17.30 Uhr, Markt
Eisenhüttenstadt: 17 Uhr, Friedrich-Wolf-Theater
Frankfurt (O.): 16 Uhr, Rathaus
Gera: 10 Uhr, Arbeitsagentur
Gießen: 7.30 bis 12.30 Uhr, Arbeitsagentur, bunte Belagerung
Gotha: 17 Uhr, Marktplatz
Göttingen: 15.30 Uhr, Markt
Greiz: 17 Uhr, Marktplatz
Gütersloh: 17.45 Uhr, Martin-Luther-Kirche
Halberstadt: ARGE
Hanau: Vormittags vor Schulen; 19.30 Uhr im DGB-Jugendheim (»Neue Wut«)
Hannover: 15 Uhr, Schillerdenkmal, Georgstraße
Höxter: 17.30 Uhr, Marktbrunnen
Iserlohn: 18 Uhr, alter Rathausplatz
Jüterbog: Kundgebung und Demo
Karlsruhe: 17 Uhr, Marktplatz
Kassel: 16.30 Uhr, IHK
Kiel: 16 Uhr, Asmus-Bremer-Platz, 18.30 Uhr, Pumpe (»Neue Wut«)
Königs Wusterhausen: Dem Bundestagskandidaten Dankert auf den Pelz rücken
Kyritz: Marktplatz
Leipzig: 17 Uhr, Nikolaikirchhof
Magdeburg: 15 Uhr, Alter Markt: Schlitten fahren, politisch zu Grabe tragen, Sarg nageln
Mannheim: 18 Uhr, Paradeplatz
München: Sonntag, 4.9., Stand des Sozialforums auf dem »Streetlife«; am Montag Montagsdemo wie immer
Nordhausen: 19 Uhr, Rathaus
Offenburg: 9.30 Uhr, kommunale Arbeitsförderung, 14 Uhr, Rathaus
Oldenburg: Vormittags bei der ARGE rein, Zeit unbekannt
Paderborn: 15 Uhr, Rathaus
Peine: 17 Uhr, Gewerkschaftshaus
Potsdam: 18 Uhr, Platz der Einheit
Saalfeld: 16 Uhr, Markt
Tangerhütte: 18 Uhr, Platz des Friedens
Wedel: 16.30 Uhr, Rathausplatz
Wilhelmshaven: Zur Zeit der Montagsdemo, am gewohnten Platz
Witzenhausen: 15 Uhr, ARGE
Wolfsburg: 19 Uhr, im Centro Italiano, Am Hasselbach 1-2
* Weitere Infos und Termine: www.neueWUT.de; www.die-soziale-bewegung.de
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Grüsse
Paul Atreides