Geschichte wiederholt sich nicht. Ein Studium alter Schriften kann also keine Loesungen bieten, sondern nur Ideen. Richtig? Wenn doch nur alle, die aus der Bibel zitieren, dies auch so darstellen wuerden. Aber nein, Bibelzitate werden - da von Gott initiert - meist als absolut dargestellt. In der Wissenschaft beziehen wir uns auf Originalartikel; es ist nicht gestattet, Zitate zu zitieren, sondern man muss stets die Originalquellen studieren.
Das ist mit der Bibel nicht so einfach. Die aeltesten Stuecke wurden in Aramaeisch und Althebraeisch (d.h. ohne Vokale, siehe die alte Diskussion Jahve / Jehova) geschrieben, spaeter ins Hebraeische und Griechische uebersetzt, wieder spaeter in Lateinische, dann ins Deutsche.
Da faellt mir jenes Gedicht ein, dass ich mal in Japan gehoert habe:
„Stille ist es im Pavillon aus Jade
Krähen fliegen stumm
Zu beschneiten Kirschbäumen im Mondlicht
Ich sitze
Und weine“
Hier noch eines:
„Über allen Gipfeln ist Ruh
In allen Wipfeln
Spürest du kaum einen Hauch
Die Vögelein schweigen im Walde
Warte nur, balde ruhest du auch.“
Was haben beide Gedichte gemeinsam? Das letztere ist Wanderers Nachtlied von Goethe, das erstere... auch. Es ist vor einiger Zeit ins Japanische uebersetzt worden (von Jesuiten, soweit ich weiss), dann zurueckuebersetzt ins Franzoesische, dann wieder ins Deutsche.
Also, mal ganz im Ernst: wer heute mit einer deutschen Bibel argumentiert, kann davon ausgehen, dass es nicht viel mit der Bibel von vor 2000, gar von vor 3000 Jahren gemeinsam hat. Was ja auch gut so ist - Sprachen sind lebendig und veraendern sich; unser „Hochdeutsch“ wuerde, wenn man nur 500 Jahre in der Zeit zurueckreisen wuerde, nur schwer verstanden werden.
Wer nun aber immer noch argumentieren will, dass die Bibel fuer heute gueltig ist, der sei auf die Entstehungsgeschichte der Bibel (ich beziehe mich nun aufs AT) hingewiesen:
ein Volk lebt in der Versklavung und hat ausser seiner Sprache und Geschichte nichts mehr, was sie zusammenhaelt. Waherend andere Voelker ihre Geschichte(n) nur muendlich tradierten, schrieb dieses eine Volk seine Geschichte nieder. Waehrend die muendlich tradierten Geschichten verwaesserten und schliesslich versandeten, blieben die Schriften erhalten – und somit ihre Kultur und die Erinnerung.
Ich vermute, dass alle anderen Voelker sich damals ebenfalls als „von Gott ausgewaehlt“ betrachten; immerhin passiert es dies ja auch heute noch („God’s own country“ liegt nicht in Palaestina). Aber waehrend die Zeit alle muendlich ueberlieferten Geschichten vergass, blieben die Schriften, die spaeter zur Bibel wurden, erhalten. Kein Wunder, dass die Bibel so hochstilisiert wurde – ich wage zu behaupten, dass es ohne Bibel kein Judentum mehr geben wuerde. Die Bibel wurde vermutlich geschrieben, um einem Volk eine Geschichte, und somit Identitaet und Zusammenhalt zu geben.
Nun kann man mir entgegenhalten, dass das NT juengeren Datums ist und somit den Originaltexten noch am aehnlichsten. Soweit ich weiss, wurden die aeltesten NT Schriften etwa 50 bis 150 Jahre nach dem Tode Jesu aufgeschrieben. Was das fuer die Akkuresse der Reden Jesu bedeutet, ist klar: es steht nicht geschrieben, was Jesus gesagt hat, sondern was a) von den Zuhoerern verstanden wurde, und b) was deren Zuhoerer und deren Zuhoerer etc etc sich gemerkt und weitererzaehlt haben, bis es endlich niedergeschrieben wurde.
Dieses Schwachpunkt hat offenbar Mohammed erkannt, denn sein Koran erhebt den Anspruch, direkt von Gott diktiert worden zu sein...
>Da die Bibel für
>Christen eine hohe Bedeutung hat,
>werden Christen immer wieder
>anhand der Bibel argumentieren.
>Es erscheint fragwürdig, wenn
>diese Grundlage des Glaubens von
>Außenstehenden verhöhnt und
>verspottet wird. Leider klingt
>die Beurteilung von cannstein wie
>eine solche Verspottung.
Ich verspotte niemandem. Ich setze nur Dinge ins rechte Licht bzw. in den rechten historischen Kontext. Aber mir tun diejenigen leid, die – im Kantschen Sinne – unaufgeklaert sind. Ich moechte daher WISSEN verbreiten. Die Verbreitung des GLAUBENS ueberlasse ich den Missionaren; denen mit der Bibel in der Hand und denen mit dem Wachturm.
>Die Offenbarung, die Gott den
>Menschen gibt kann von sich aus
>nichts Schlechtes und auch nichts
>Unwahres enthalten, da Gott nur
>Liebe ist und nichts schlechtes
>von ihm kommt.
>Die Kunst ist natürlich
>zweifellos diese Wahrheit zu
>finden und darin liegt die
>Schwierigkeit und die
>Herausforderung.
Jetzt naehern wir uns dem Kern des Problemes: Glaeubige suchen Wahrheit und glauben, dass diese Wahrheit die Loesung bzw Antwort auf ihre Probleme darstellt.
Wissenschaftler suchen erst Fragen und dann moegliche Antworten, wobei ein serioeser Wissenschaftler niemals einen Absolutheitsanspruch stellen wird. Typische Aussagen sind „Mit hoechster Wahrscheinlichkeit ist es so, dass ...“ oder „Vermutlich ist es so, aber wir koennen auch dieses und jenes nicht ausschliessen.“
Mal Hand aus Herz: solche Aussagen stellen schlichte Gemueter, die unumstoessliche Wahrheiten suchen, nicht zufrieden. Sie wollen eine feste Weltordnung haben. Aber die kann ein Wissenschaftler nicht bieten.
Mit Wissenschaft kann man die beste Loesung fuer ein Problem finden – aber es muss weder die einzige noch die perfekte Loesung sein. Und so laesst Wissenschaft Raum fuer weitere Antworten, bessere Loesungen und Mehrung des Wissens.
An einer „Wahrheit“ aber kann man nicht ruetteln; wer eine Antwort hat, die dieser Wahrheit widerspricht, wird als Ketzer tituliert und wurde frueher verbrannt.
> denn einen
>uneingeschränkten
>Absolutheitsanspruch kann es
>unter Menschen nicht geben. Nur
>der Schöpfer selbst kann diesem
>Anspruch gerecht werden.
Wir brauchen auch keine absoluten Wahrheiten, im Gegenteil. Absolute Wahrheiten sind ein starres Geruest; schwache und bequeme Menschen moegen vielleicht ein Geruest schaetzen, das ihnen Halt bieten, aber ansonsten engt solch ein Geruest nur den Geist ein, unseren und den kuenftiger Generationen, die noch mehr wissen werden als wir.
Die Vertreter des Kreationismus, sehr beliebt nun unter dem Deckmantel des „Intelligent Design“, vertreten absolute Wahrheiten, die sie aus der Bibel beziehen: dass die Erde vor 6000 Jahren geschaffen wurde, dass der Schoepfer Dinosaurierknochen und andere Fossilien extra unter der Erde versteckt hat, damit wir sie finden, und dass all die Arten von Lebewesen, die wir heute um uns haben, vor eben diesen 6000 Jahren geschaffen wurden – Evolution gibt es nicht und hat es nicht gegeben.
Apropos: ist unter den Lesern hier jemand, der die Hypothese des Kreationismus unterstuetzt?
Ich unterstuetze die bisherigen Erkenntnisse der Wissenschaft (die Wissen schafft) und unbequem ist: wir muessen jeden Tag und jede Minute alles in Frage stellen, vor allem liebgewonne Denkschienen. Wir muessen staendig unsere Werte hinterfragen und diskutieren, und dabei einen Kompromiss finden zwischen Bewahren und Erneuerung.
Und um den Kreis zum Originalartikel zu schliessen:
Nationale Armeen sind eine liebgewonne Denkschiene; ein Geruest, das uns Sicherheit vorgaukelt. Ich aber hinterfrage dies und schlage eine Alternative vor, die uns noch mehr Sicherheit bietet. Ein Wissenschaftler macht Experimente (ein Wort, das interessanterweise in der Masse der Bevoelkerung, die Veraenderungen hasst, negativ belastet ist), um eine Hypothese zu belegen. Meine Hypothese ist, dass das Ersetzen nationaler Armeen durch eine einzige internationale Armee, unsere Sicherheit erhoeht. Diese Hypothese stelle ich zur Diskussion, sammel Ideen, bastel an meiner Hypothese und letztendlich gestalte ich ein Experiment, um diese Hypothese zu belegen. Mein Experiment waere, dass wir schonmal in Europa damit anfangen. Schaffen wir eine einheitliche europaeische Armee. Und dann sehen wir weiter.
Apropos: in der Wissenschaftlichen Methodik geht es so weiter: das Experiment wird kritisch ausgewertet und wenn man Glueck hat, als tauglich befunden. Wenn keine Gegenargumente mehr kommen, wird eine Hypothese geadelt: sie wird zur Theorie. (Wie z.B. Relativitaetstheorie, Evolutionstheorie.) Noch so ein Misverstaendnis: in der Wissenschaft ist eine Theorie das Beste. Eine Theorie erhebt allerdings keinen Absolutheitsanspruch, sondern ist nur die beste Erklaerung fuer bestimmte Fragestellungen. Und das ist auch gut so: haette Newton mit seiner Gravitationstheorie einen Absolutheitsanspruch gestellt, dann waere sie von Einsteins besserer Relativitaetstheorie zerschlagen worden. So aber konnte Einstein eine Weiterentwicklung der Newtonschen Theorie anbieten, und Newton bleibt auch weiterhin gueltig – zumindest im Normalraum, d.h. bei Geschwindigkeiten und Entfernungen in unserem taeglichen Leben. Und nur bei Problemen mit extrem weiten Entfernungen und hohen Geschwindigkeiten, wie z.B. bei der Programmierung von Satelliten und Weltraumsonden, muss man auf Einsteins Gleichungen zurueckgreifen.
Also, wenn das naechste Mal ein Kreationist behauptet, dass die Evolutionstheorie ja nur eine Theorie sein, dann koennt Ihr, geschaetze Leser, dem nun entgegenhalten, dass eine Theorie das Beste ist, was unsere Zivilisation zu bieten hat.