LETZTE BEARBEITUNG AM 10-Nov-2002 UM 14:28 Uhr (MEZ)>Globalisierung findet praktisch seit mehr als
>100 Jahren statt; sie versteht
>sich als internationaler Warenaustausch.
Eben dieser internationale Warenaustausch ist quantitativ in den letzten 10 - 15 Jahren aber enorm angestiegen und hat dementsprechend an Einfluss gewonnen. Die Außenhandelsquote (also Anteil von Importen und Exporten am BIP) hat sich in den 90er Jahren vervielfacht (Eine Verdreifachung von '97 bis 2001 allein). Das ist der Grund warum Folgen dieses Prozesses deutlicher und gravierender werden (positive wie negative).
Der Begriff Globalisierungsgegner ist eigentlich falsch, denn man ist nicht gegen Globalisierung - sondern gegen die Art und Weise wie Globalisierung z. Z. stattfindet.
Dazu noch eine Anmerkung: Der Transport von Waren (solange er mit Nicht-regenerativen Energiequellen oder mit Atomkraft angetrieben wird) wird praktisch massiv subventioniert, dadurch, dass der Verursacher nicht oder kaum (die Ökosteuer ist ein Tropfen auf dem heißen Stein) für die Folgekosten aufkommt. Aus diesem Grunde wird der rentable Transport von Gütern über große Entfernungen erst möglich - und dadurch wird auch die Globalisierung (bzw. der Aussenhandel) vervielfacht.
Ich schreibe unten noch etwas zu Deiner Aussage: "Es gäbe keine negativen Auswüchse des Marktes" - vorweg aber schon mal: Oben angeführtes Beispiel ist eine Auswirkung die man in der Volkswirtschaftwslehre "externe Effekte" oder auch externe Kosten / bzw. Nutzen nennt. Weil der Verursacher nicht für positive Nutzen die andere durch die Handlung haben entlohnt wird bzw. nicht für negative Auswirkungen die andere tragen müssen "bestraft" oder davon abgehalten wird.)
>Wenn in diesem internationalen Warenaustausch jedoch
>einige Staaten sich auf Kosten
>anderer eklatante Vorteile z.B. durch
>gigantische Subvenbtionen eigener maroder Wirtschaftszweige
>oder atstronomischer Einffuhrzölle verschaffen, dann
>kommt es zu der zu
>beobachtenden "Schieflage".
Erstmal: Subventionen müssen irgendwoher bezahlt werden. Sie werden bezahlt aus Steuergeldern, und die wirken sich auf andere Branchen (die die Steuerlast netto tragen muss) letztendlich negativ aus. Das ändert natürlich nichts an der Tatsache, dass es Wettbewerbsverzerrung (innerhalb bestimmter Branchen) ist, und gerade wenn man "die Landwirtschaft" subventioniert, benachteiligt man 3. Welt Länder, weil die Wirtschaftsstruktur dort in 1. Linie aus Landwirtschaft besteht, und sie den Industrienationen auf anderen Wirtschaftszweigen gar keine Konkurrenz machen können.
Aber dass man sich als Staat insgesamt durch Subventionen "eklatante Vorteile" verschaffen könnte - ist nicht richtig. Für die Zölle gilt das gleiche - denn irgend jemand im Inland muss die Zeche für die höheren Inlandspreise zahlen.
Ob das anders aussieht für Anschubsubventionen bzw. dem Äquivalent bei Zöllen (also protektionistische Maßnahmen bis der Wirtschaftszweig stark genug ist um auf dem Weltmarkt zu konkurrieren) sei dahin gestellt - aber man darf es sich nicht so leicht machen wie oben.
>Egal, was wir von der Globalisierung
>halten, sie ist da! Es
>gilt die Globalisierung zu nutzen,
Siehe oben - ich verstehe mich auch nicht als Globalisierungsgegener, sondern als ein Gegner wie Globalisierung z. Z. stattfindet.
Es gilt die Globalisierung gerecht und fair zu gestalten - und die Welt nicht zu einer gesetzlosen Zone zu machen - d. h. Globalisierung ist "da" - was aber nicht "von 'Natur aus' da ist" ist die Art und Weise wie sie betrieben wird!
Wenn Du unter "nutzen" ("Es gilt die Globalisierung zu nutzen") den Eigennutzen verstehst - widerspreche ich dir hier wehement. Verantwortung ist dringend notwendig - sonst herrscht das Gesetz des Stärkeren. Wenn Du den kollektiven Nutzen meinst, und alle Menschen gleichberechtigt ansiehst stimme ich Dir zu: Wir sollten die Nutzeneffekte (für alle beteiligten) von Globalisierung bzw. von (Außen-)Handel nutzen.
>alle Teilnehmer an diesem internationalen
>Wettbewerb gleichberechtigt teilhaben zu lassen.
Es ist aber nicht gleichberechtigt, wenn ich höhere Umweltauflagen habe als 10 km weiter mein Konkurrent über der Grenze. Mein Konkurrent kann mich im Preis überbieten, obwohl er seine Abwässer in den Fluss leitet der 10 km stromabwärts durch meine Statt fließt. Um dieses Wasser noch als Trinkwasser aufzuarbeiten muss meine Stadt einen hohen Aufwand betreiben - d. h. ich zahle auch noch höhere Steuern als mein Konkurrent 10 km stromabwärts. Trotzdem darf mein Nachbar mir auf meinem Markt konkurrenz machen. Ich nenne das nicht "gleichberechtigt"!
>In diesem Fall ist die
>Globalisierung Basis für den Abbau
>der noch zu beobachtenden Unterschiede
>zwischen den reichen Industrienationen und
>den armen Entwicklungsländern.
Warum? Warum ist Globalisierung Basis für den Abbau von Unterschieden? Man macht es sich zu leicht, wenn man dafür einfach die Marktkräfte anführt (siehe unten).
>Auch die Umwelt kann von einer
>gleichberechtigten Globalisierung nur profitieren. Die
>sogenannten Schwellenländer zeigen ganz klar,
>wo der Lauf dieser Dinge hingeht!
Zunächst mal: "Umwelt" ist ein superioles Gut. Natürlich bedeutet dies, dass Umwelt in reicheren Nationen nachgefragter ist als in Nationen die mit dem Existenzkampf beschäftigt sind.
Ob die Schwellenländer aber durch die Art von Globalisierung reicher geworden sind, wie sie heute von statten geht, oder ob sie auch durch andere Globalisierungsgestaltungen reicher geworden wären ist die Frage.
Außerdem bedeutet das nicht, dass es nicht auch noch andere Einflussfaktoren auf das Niveau des Umweltschutzes gibt als der Reichtum einer Nation.
Benjamin schrieb:
>Nein, aber vileicht Strafsteuern für Produkte
>die nicht nach deutschen Sozial
>und Umweltstandarts hergestellt wurden um
>die Deutsche Wirtschaft nicht zu
>benachteiligen.
Benjamin hat ganz recht - man darf Strafsteuern nicht mit blinden Zöllen verwechseln. Im oben angegebenen Beispiel, müsste mein Konkurrent 10 km stromaufwärts nämlich für sein Produkt so eine Strafsteuer bezahlen. Wenn der Konkurrent aber genauso umweltfreundlich produziert wie ich, dann müsste er keine Strafsteuern bezahlen.
Leider ist dieses Szenario (Strafsteuern) keine Lösung auf das Problem, denn, der Aufwand den man betreiben müsste um festzustellen, wie umweltfreundlich diese Produkte produziert wurden ist enorm, und deshalb ist das nicht praktikabel. - Man muss andere Lösungen finden.
>Ich glaube dich richtig zu verstehen;
>das ist doch genau die
>Crux: Wenn sich die reichen
>Industrienationen gegen die billige Konkurrenz
>aus dem Ausland dadurch wehrt,
>dass sie ihre eigenen Produkte
>subventioniert und die Einfuhr der
>billigen Produkte durch Zölle und
>andere Einfuhrschranken erschwehrt bzw. verhindert,
>kommt es nie dazu, dass
>sich die Entwicklungsländer selbst aus
>ihrem Dilemma befreien können. Die
>Entwicklungsländer werden so nie ihre
>Wirtschaft in Schwung bringen können
>um sich selbst mehr Wohlstand
>erarbeiten zu können.
>Und hier setzt eine echte, d.h.
>gleichberechtigte Globalisierung an: Nur durch
>den gleichberechtigten internationalen Warenaustausch kommen
>wir global zu mehr Gerechtigkeit!
>
>Es ist hingegen schizophren, wenn die
>reichen Industrienationen die Wirtschaft in
>den Entwicklungsländern auf die oben
>genannte Art behindern und auf
>der anderen Seite Almosen verteilen,
>wenn wieder mal die Hungersnot
>grassiert.
>Ich verstehe unter dem Begriff "Globalisierung"
>eine gleichberechtigte Globalisierung und deswegen
>ist dieser Begriff für mich
>positiv belegt.
Nur durch ein öffnen aller Märkte schaffe ich aber keine Gleichberechtigung (siehe oben). Und man muss bezüglich der Entwicklungsländern unterscheiden zwischen verschiedenen Arten unterschiedlicher Wettbewerbsbedingungen.
Unterschiedliche Wettbewerbsbedingungen bestehen,
a. durch unterschiedliche Umwelt und Sozialstandards
b. durch einen unterschiedlichen Kapitalstock.
"Entwicklungsländer" haben einen geringeren Kapitalstock, d. h. sie verfügen nicht über die Maschinen oder das Know-How um mit Menschen zu konkurrieren, die eine Menge Maschinen besitzen, die sozusagen von alleine produzieren. Man macht es sich aber zu leicht, wenn man sagt, dass "die Industrienationen" über einen großen Kapitalstock verfügen. Natürlich sind es Einzelpersonen, die über die Produktionsmittel verfügen, und nicht ganze Staaten. Durch das soziale Netz sind aber in einem Nationalstaat einer Industrienation alle miteinander verbunden (es sei denn man zieht nach Monaco - auch so ein Auswuchs der Globaliesierung: die Steueroasen), und deshalb darf hier jeder Bildung (Know How) usw. erwerben, und wird auch durch die Sozialhilfe abgesichert. Deshalb kann man schon sagen, dass die Industrienationen über einen größeren Kapitalstock verfügen.
Gerade deshalb ist es erforderlich, dass die solidarischen Leistungen auf internationale Ebene ausgeweitet werden - trotzdem dürfen aber die anderen wettbewerbsverzerrenden Dinge nicht unter den Tisch fallen - und deshalb sind die oben von Benjamin vorgeschlagenen Strafsteuern auch keine Zölle o. ä. - und sie verzerren nicht den Wettbewerb sondern ganz im Gegenteil - sie machen den Wettbewerb fairer. Ich spreche mit also nicht für Zölle aus!!!
Deshalb ist es auch nicht schizophren Entwicklungshilfe zu leisten (es sei denn diese versickern im Korruptionssumpf), es ist höchstens schizophren das wir so wenig Entwicklungshilfe leisten.
Daran kann man auch sehen, dass in erster Linie "Das Kapital" (und ich meine das jetzt nicht im Marx'schen Sinne) von der Globalisierung profitiert - weil es die Staaten mit höheren Steuern usw. gegeneinander ausspielt.
>>Gleichberechtigung würde auch gleiche Gesetzliche Produkions
>>und Handelsvoraussetzungen verlangen
Dem stimme ich völlig zu.
>>und das
>>kann es ja wohl nicht
>>sein das der Markt absolut
>>liberalisiert und die negativen Auswüchse
>>des Marktes nicht gestoppt werden.
>
>Übrigens kenne ich keine "negativen Auswüchse"
>des Marktes. Überall, wo sich
>negative Entwicklungen zeigen, kommt es
>dazu gerade weil man die
>Regularien des Marktes missachtet bzw.
>verletzt! Dort, wo sich die
>Marktwirtschaft frei entwickeln kann, wo
>also demokratische Rahmenbedingungen existieren, hat
>die Marktwirtschaft seit jeher nur
>Gutes zustande gebracht.
Die Marktwirtschaft hat sich in Deutschland noch nie frei entwickelt - deshalb hat man sie auch "soziale Marktwirtschaft" genannt (und nicht "freie Marktwirtschaft". Sie ist an bestimmten Stellen gelenkt worden - u. anderem auch dort, wo der Markt versagt.
Es gibt nämlich verschiedene Arten von "Marktversagen", und auch wenn man in der Öffentlichkeit nichts davon hört: Die Existenz von Marktversagen ist in der Volkswirtschaft völlig unumstritten*.
Aus diesem Grunde muss der Staat (oder andere) Rahmenbedingungen schaffen. Zu diesen Rahmenbedingungen gehören neben Umweltauflagen (oder Zertifikaten oder Ökosteuern usw.) auch das Verbot von Kriminalität. Dies erscheint uns nur so normal und so banal, dass wir es nicht als "Eingriff in den Markt" wahrnehmen. Aber dieses Beispiel zeigt deutlich: Der Markt muss nach Regeln funktionieren, und diese Regeln müssen für alle gleich gelten.
*siehe z. B. die Standardlehrbücher:
Baßeler, U. und Andere: "Grundlagen und Probleme der Volkswirtschaft"
Mankiw: "Grundzuüge der Volkswirtschafslehre"
Frantzke: "Grundlagen der Volkswirtschaftslehre"
>>Nein, aber vileicht Strafsteuern für Produkte
>>die nicht nach deutschen Sozial
>>und Umweltstandarts hergestellt wurden um
>>die Deutsche Wirtschaft nicht zu
>>benachteiligen.
>
>Genau! Damit die armen Schweine immer
>schön weiter so arm bleiben
>und unser Wohlstand nur nicht
>angekratzt wird, oder?
Siehe oben. Der Aufbau von Wohlstand darf nicht auf Kosten Dritter passieren (d. h. die negativen Externen Effekte müssen eingepreist werden), bzw. er muss zu den geringsten volkswirtschaftlichen Kosten für Dritte passieren. D. h. es müssen erstmal alle entstehenden wirtschaftlichen Kosten aufgedeckt werden und dann können solidarische Leistungen fließen.
Der Vorteil den ich dadurch habe, dass ich 1 Liter Heizöl verbrauche (während ich auch eine thermische Solaranlage auf dem Dach haben könnte die nur nicht installiert ist, weil sie teuerer ist als das Heizöl - der Vorteil lässt sich also in Geldeinheiten beziffern) ist z. B. viel geringer als die Kosten, die der Welt dadurch entstehen (Treibhauseffekt, Gesundheitsschädigung durch Abgase usw.). Aber diese Kosten interessieren mich erstmal nicht, weil sie ja nicht von mir getragen werden - und deshalb kümmere ich mich auch nicht darum. Wenn ich meine solidarischen Leistungen also in Form von externen Effekten einfordere, ist das für die (globale) Gesellschaft viel teuerer, als wenn ich sie direkt bezahlt bekäme - weil ich dann eine thermische Solaranlage auf dem Dach hätte, und die gesamtvolkswirtschaftlichen Kosten für die Solaranlage sind kleiner als die des Ölverbrauchs. Ich verhalte mich also zum Vorteil aller.
So, ich hoffe ihr nehmt nichst persönlich, (wir wollen eigentlich alle eine bessere Welt - das sollten wir nie vergessen. Niemand von uns hat Eigeninteressen als Grund angefügt - und das finde ich sehr positiv.)
Lieber Gruß,
Tim